HERZLICH WILLKOMMEN zum IHWA-Schulprojekt "DER MENSCH MUSS EINE HEIMAT HABEN"

Im Rahmen des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ können wir ein umfangreiches multimediales und pädagogisches Programm rund um den musikalisch-literarischen Abend „Ich sang um mein Leben“ anbieten, der die Lebens- und Überlebensgeschichte von Judith Schneiderman ins Zentrum stellt. Mit der literarischen Stimme von Judith Schneiderman und der musikalischen ihrer Tochter Helene wollen wir gelebte Geschichte neu erlebbar machen und zugleich musikalische, literarische und historische Bildung miteinander verflechten und in einen klaren aktuellen Bezug zu Gegenwart bringen.

Impressionen von den Dreharbeiten des musikalisch-literarischen Abends "Ich sang um mein Leben" im Probenzentrum Nord am 16. März 2021 mit Helene Schneiderman (Mezzosopran), Franziska Walser (Lesung), André Morsch (Bariton) und Götz Payer (Klavier)

 
Fotos: Reiner Pfisterer

"Warum? Warum jetzt, nach all den Jahren? Da gab es etwas, das seit einer gefühlten Ewigkeit in mir brodelte; da war noch etwas zu erledigen. Früher an diesem Abend, als ich faul vor dem Fernseher saß, landete ich bei einem Dokumentarfilm über die Neuauflage von Anne Franks Tagebuch. Etwas in mir fing an zu brennen.

Nachdem sie sich jahrelang auf einem Dachboden versteckt hatte, geduldig und voller Hoffnung, dem Terror getrotzt und Überlebenswillen gezeigt hatte, nach all dem, was Anne Frank und ihre Familie hatten erleiden müssen, war sie am Ende doch ums Leben gekommen. In ihrem Tagebuch schrieb sie, dass sie „ […] trotz allem immer noch an das Gute im Menschen glaube“.

Mir war nicht einmal aufgefallen, dass ich angefangen hatte zu weinen. Ich wollte laut herausschreien, dass es – obwohl in Amsterdam ein kleines Mädchen gelebt hatte, das an Hunger und Typhus gestorben war – ein anderes kleines Mädchen gab, das überlebt hatte und später selbst wunderbare Kinder großzog; dessen Leben eine glückliche Wendung genommen hatte.

Warum ich? Warum habe ich überlebt und nicht Anne Frank, die so klug und dynamisch und voller Leben war? Wenn ich zurückdenke, dann sehe ich oft, wie widersinnig diese Zeit in der Mitte des 20. Jahrhunderts war: Die Nazis, die mein Volk vernichten wollten und scheiterten. Die Amerikaner, die im Bestreben, uns zu retten und zu beschützen, mit ihren Bomben versehentlich meine kleine Schwester töteten. Der junge Kriegsheld, der mir in den Kopf schoss und mich fast umbrachte.

Während des Holocaust habe ich die wichtigste Lektion meines Lebens gelernt: Nichts ist ausschließlich gut oder böse, beides steckt in uns, in unseren Absichten, sowohl in den Besten als auch in den Schlechtesten von uns. Durch den Holocaust habe ich das menschliche Wesen besser verstehen gelernt; zu welchen Wundern und zu welchen Greueltaten Menschen fähig sind.

Meine Geschichte muss erzählt werden, damit die Welt erfährt, dass aus Vernichtung und Tod neues Leben hervorgehen kann."

Judith Schneiderman

Mit diesen Zeilen beginnt Judith Schneiderman ihre berührenden, aufwühlendenden und Hoffnung gebenden Lebenserinnerungen, die sie 2010 in ihrer zweiten Heimat, den USA, unter dem Titel "I sang to survive. A story of hope and human kindness" ("Ich sang um mein Leben") veröffentlichte. 

 

Seit 2013 liegt dieses wichtige Zeugnis einer dunklen Zeit in einer deutschen Übersetzung vor, erschienen bei der Stiftung Denkmal in Berlin: 

https://www.stiftung-denkmal.de/publikation/ich-sang-um-mein-leben-erinnerungen-an-rachov-auschwitz-und-den-neubeginn-in-amerika/

 

Weiterführende Informationen gibt es auf der Seite:

www.isangtosurvive.com